Halleluja Amigo

Die neun Leben des Bud Spencer

Für viele Menschen war Bud Spencer eine ziemlich schlichte Angelegenheit: Wortkarg bis brummig, von einfachem Gemüt, zupackend. Einer, der Probleme stets auf viel zu direkte Weise löste. Innerhalb seiner Aura von zehn Metern war er Legislative, Judikative und Exekutive in einem. Ein Inselstaat auf zwei Beinen. Schlagfertig, schlagkräftig. An ihm prallte die Welt ab wie an einem Marshmellow aus Kryptonit. Und so bulldozerte dieses italienische Bollwerk seit fast fünfzig Jahren durch die Filmgeschichte.

Um Bud Spencer etwas katzenhaftes abzugewinnen, bräuchten selbst Filmliebhaber viel Fantasie. Doch der 1,90-Meter-Neapolitaner hatte in seinen 86 Jahren neun bemerkenswerte Leben. Mit seinem Tod am 26. Juni 2016 hat er sie alle in vollen Zügen zu Ende gelebt.

#1 Das Kind mit dem goldenen Löffel

Neapel ist kein Ort, der seinen Kindern eine goldene Zukunft verspricht. Bud Spencer hatte Glück, er kam dort am 31. Oktober 1929 als Spross von Industriellen zur Welt. Sein damaliger Name: Carlo Pedersoli. Und er hatte sein eigenes Kindermädchen – eine Deutsche. Den Krieg überstand Carlo unbeschadet, seine Familie ist mit ihm 1940 einfach nach Südamerika abgehauen. Als der Krieg vorüber war, kamen die Pedersolis zurück. Die Kunst des Ausweichens.

#2 Der stinkfaule Spitzensportler

Man kann nicht sagen, er hätte es sich ausgesucht. Gerade mal viereinhalb Jahre alt war Klein-Carlo, als ihn ein Kapitän bei einer Bootsfahrt im Hafen kurzerhand ins Wasser warf. Und siehe da, er konnte schwimmen! Das tat er danach noch eine Weile, gewann in den 50er Jahren acht Mal die italienischen Schwimmmeisterschaften und nahm zweimal an Olympia teil (’52/’56). Trainiert hat er dafür wie eine faule Socke: Während Spitzenschwimmer heute 15-Kilometer-Distanzen pro Tag absolvieren, begnügte er sich mit 500 Meter. Und inhalierte danach eine Schachtel Zigaretten. Sein späterer Partner Terence Hill (bürgerlich: Mario Girotti) war im selben Verein und gab an: „Ich kann mich nicht erinnern, ihn beim Training je in einem Schwimmbecken gesehen zu haben.“ Dafür wechselte Bud fast siebzig Mal seinen Trainer. Hatten ja alle keine Ahnung. Konfrontation lag ihm, er wurde einmal auch Landesmeister im Rugby.

#3 Der Akademiker

Carlo schrieb sich 1945 an der Uni in Rom ein, um Chemie zu studieren. Da war er 16 Jahre! In dem Alter macht man noch Leichtsinnsfehler. Als er bemerkte, dass Chemie zu aufwändig ist, wechselte er zu Jura. So richtig beendet hat er auch das nicht, auch wenn ihm immerzu der Titel „Dr. iur.“ nachgesagt wird. In Italien bedeutet das so viel wie: Hat schon mal ein Buch schriftlich zusammengefasst. Viele Jahre später wettete er mit seiner Tochter, er mache, seinen bisherigen Abbrüchen zum Trotz, seinen Uni-Abschluss immer noch früher als sie, und schrieb sich 1985 erneut ein. Soziologie. Die Wette hat er verloren.

#4 Der Sinnsucher

So locker er sein Schwimmtraining nahm, so schwer tat er sich mit dem Starrummel. Ja, Bud Spencer war in Italien vor allem als Sportler ein Star. (Haben wir schon erwähnt, dass er auch in der Wasserball-Nationalmannschaft spielte?) Als ihm das Ende seiner Karriere dräute, machte sich Wasser-Bud aus dem … nun ja, Staub. In Südamerika begann er eine neue Suche nach seinem Ich. Er suchte, indem er im Dschungel an der Panamericana mitbaute (einem 48.000-Kilometer-Straßennetz von Alaska bis Feuerland), er suchte am Fließband eines Autobauers in Cáracas, Venezuela … Vier Jahre lang. Wen oder was er fand, wissen wir nicht. Er wusste es auch nicht, empfand die Zeit aber trotzdem als wichtig.

#5 Der Nicht-Schauspieler

Buds Filmkarriere kannte im Grunde zwei Phasen: eine ohne und eine mit Terence Hill. Die ohne Terence endete 1959 und begann wieder 1994. Sie ist von bestürzender Bedeutungslosigkeit. Dazwischen wuchs er zu dem liebenswerten Dampfhammer heran, für den er heute in aller Welt steht. Bud Spencer hielt Bud Spencer für wichtiger als Carlo Pedersoli. Tatsächlich wurden er und Terence Hill zum erfolgreichsten Filmduo der Kinogeschichte. Über vierzig Filme drehten sie zusammen, konnten sich (im Film) nur unter großen Mühen leiden und waren doch privat allerbeste Freunde. Bei den hunderten Schlägereien, die sie lostraten, floss nie ein Tropfen Blut. Dabei gründet Buds Karriere auf echter Gewalt: Seine erste Hauptrolle in „Gott vergibt … Django nie!“ erhielt er nur, weil der ursprünglich vorgesehene Hauptdarsteller seine Gattin verprügelte und sich dabei das Bein brach. Anders als Terence hatte Bud nie eine Schauspielausbildung. Weshalb er sich bis zuletzt als „Darsteller“ verstand und der Meinung war, vor der Kamera nichts können zu müssen. Sehr clever, weil ungemein befreiend.

#6 Der Daniel Düsentrieb

Wir können nur erahnen, wie langweilig die Zeit für einen Brummbär wie Bud Spencer gewesen sein muss, wenn es keine bösen Kerle vor der Kamera zu verdreschen gab. Also erfand er Sachen. Sachen, die im Grunde ähnlich schmerzhaft grandios waren wie seine senkrecht fallende Faust: Zahnbürsten mit integrierter Zahnpasta, dreiläufige Jagdgewehre, elektrische Spielzeugmäuse, Spazierstöcke mit ausklappbarer Tischplatte und eingebauten Sitz … so Sachen halt. Tatsächlich hielt er lange Zeit ein Dutzend Patente oder Gebrauchsmuster. Sind aber alle ausgelaufen.

#7 Der Federleichte

Gewisse Szenen in seinen Filmen brachten ihn auf den Geschmack: Geschwindigkeit, Fliegen, Flugzeuge … FLUGZEUGE! Welches Kind möchte nicht gerne selbst fliegen? Bud Spencer war ein besonders großes Kind und beließ es nicht nur bei einem Helikopter-Pilotenschein, sondern setzte den Flugzeug-Pilotenschein obendrauf, mit Lizenzen für Italien, die Schweiz und die USA. Im Rausch der Leichtigkeit gründete er dann noch seine eigene Fluggesellschaft Mistral Air. Verscherbelte sie nach ein paar Jahren.

#8 Der Anti-Politiker

Im Herzen war er Konservativer. Ganz besonders konservativ war seine Skepsis gegenüber jedweder Politik. Mindestens zwei Führer mühten sich vergeblich, Spencers Popularität für sich zu vereinnahmen: Zum einen Fidel Castro, der Bud liebte, weil in seinen Filmen stets die kapitalistischen Schurken verprügelt wurden, und ihn deshalb mehrfach zu sich einlud; Bud ignorierte den sozialistischen Schurken hartnäckig. Zum anderen Silvio Berlusconi, der ihn 2005 überredete, für die Forza Italia bei der Regionalwahl in Lazio zu kandidieren. Spencer gab sich daraufhin bei der Kandidatenvorstellung so mundfaul, dass die Forza den Wahlkreis verlor. Lediglich mit Franz Josef Strauß traf er sich mehrmals zu lockeren Oktoberfestrunden. Männer von wirklichem Format können halt miteinander!

#9 Der Überlebende

1994 endete die Erfolgszeit des Duos Spencer/Hill, „Die Troublemaker“ wurde ihr letzter gemeinsamer Film. Sein neuer Partner wurde die nichtblonde Hälfte des Miami-Vice-Duos, Philip Michael Thomas, sein Spielplatz wurde das Fernsehen. Bud Spencer verlegte sich daneben auf anspruchsvollere (erfolglose) Filme, 2003 knüpfte er nochmals an seine Komponistenphase aus den frühen 60er-Jahren an. Waren es damals Schlager, die er singenden Frauen auf den Leib komponierte, wurden es nun neapolitanische Lieder, die er seinem eigenen Leib verschrieb und selbigem auch entklingen ließ. Sogar danach blieb er ein gefragter Mann, besonders in Deutschland. Zuletzt führte er hier nicht mehr die Kinobestenliste an („Vier Fäuste für ein Halleluja“ von 1972 ist bis heute der fünfterfolgreichste Film der deutschen Kinogeschichte!), sondern die Bestsellerliste des Buchhandels. Beide Teile seiner Biografie kletterten bis an die Spitze.

Als Carlo Pedersoli am 31. Oktober 2014 seinen 85. Geburtstag feierte, war er lebendiger denn je: Sein Œuvre hat sich längst über die jahrzehntelange Häme des Feuilletons zum Kult erhoben, er erfreute sich bester Gesundheit, war auskunftsfreudig, alles andere als pressescheu und in gewisser Weise ein Positivbeispiel für die Generation Yolo. Denn was immer sich Bud Spencer in seinem Leben vornahm, folgte treu seinem liebsten Motto: Futtétenne – Scheiß drauf! Auf seinem Totenbett aber sagte er schließlich: Grazie! Danke für dieses Leben.